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Erinnerungskultur

Sehr geehrte Damen und Herren,

Am 18. Januar 2020 jährte sich zum 80. Mal der erste Transport von Patientinnen und Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, des heutigen kbo-Isar-Amper-Klinikums, in die Tötungsanstalt Grafeneck; dies war gleichzeitig der erste Transport von Menschen im Rahmen der NS-„Euthanasie“ in Deutschland überhaupt.

25 Menschen haben an diesem Tag ihr Leben verloren, da sie unmittelbar nach Ankunft in Grafeneck ermordet wurden. In den folgenden Jahren bis 1945 sind durch Deportation in die Tötungsanstalten Grafeneck und Hartheim, aber auch vor Ort in der Klinik selbst zwischen 2000 und 3000 psychisch kranke Patientinnen und Patienten unserer Klinik ermordet worden: infolge des „Hungerkost“-Erlasses, durch gezielte Vernachlässigung und aktive Tötung (vor allem im Kinderhaus). Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik haben selbst zu diesen Verbrechen beigetragen oder sie durch „Wegsehen“ und Unterlassen mit ermöglicht. Es ist uns Verantwortung und Verpflichtung, uns mit dieser Geschichte des Klinikums auseinander zu setzen.

In Zeiten, in denen es wieder politisch legitim erscheinen mag, Minderheiten auszugrenzen, dem Eigeninteresse das Wort zu reden, die Solidarität gering zu halten, wird das Motto „Der Wert des Lebens“, das sich die Gedenkstätte Hartheim gegeben hat, zum hochaktuellen Leitspruch. Das kbo-Isar-Amper-Klinikum ist kontinuierlich Behandlungsort für psychisch kranke und behinderte Menschen in denselben Räumen geblieben, in denen die Verbrechen stattgefunden haben. Wir nehmen auch deswegen eine besondere Verantwortung gegenüber den bei uns behandelten Menschen wahr; gegenüber Menschen, die in akuten Krisen sind ebenso wie gegenüber denen, die durch dauerhafte Behinderungen in ihrer Teilhabe am Leben benachteiligt sind.

Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-„Euthanasie“ sind zum einen Verpflichtung im Sinne eines Bewahrens der Erinnerung, sind aber auch Leitschnur und Vorgabe, unser Verhalten heute und in der Zukunft immer wieder kritisch zu reflektieren und zu überprüfen.

Unsere Auffassung vom Wert des Lebens kommt in dem zum Ausdruck, wie wir heute mit den uns anvertrauten Patientinnen und Patienten umgehen. Wir entwickeln unsere medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Konzepte weiter. Wir befassen uns intensiv mit Themen wie Zwang und Gewalt in der Psychiatrie und versuchen hier neue Konzepte des (Be-)Handelns zu finden und umzusetzen. Trotz aller wirtschaftlichen Zwänge, trotz Personal- und Fachkräftemangel, trotz und gerade wegen unserer Geschichte versuchen wir uns dieser Vorgabe zu stellen: dass Leben einen nicht verhandelbaren, nicht relativierbaren Wert hat. Damit uns dies gut gelingt, müssen wir uns aktiv um eine lebendige und zeitgemäße Auseinandersetzung mit unserer Geschichte bemühen. W. G. Sebald schreibt in „Austerlitz“ (2001): „…wie wenig wir festhalten können, was alles und wie viel ständig in Vergessenheit gerät, mit jedem ausgelöschten Leben, wie die Welt sich sozusagen von selber ausleert, indem die Geschichten, die an ungezählten Orten und Gegenständen haften, von niemand je gehört, aufgezeichnet oder weitererzählt werden“. Diese Geschichten wollen wir forttragen und aus der Auseinandersetzung mit ihnen eine ethisch fundierte und therapeutisch moderne Psychiatrie und Psychotherapie gestalten.

Wir ringen um neue, bessere Formen, dies darzustellen. Haben Sie Ideen oder Vorschläge, wie die Geschichte unseres Hauses besser – anders darzustellen ist?

Schreiben Sie uns unter erinnerungskultur.iak(at)kbo.de

Ihr Direktorium

 

Bautafel zur „Euthanasie“ vor dem Verwaltungsgebäude am 14. Mai 2021
Broschüre Erinnerungskultur des kbo-Isar-Amper-Klinikum

Gedenken an die deportierten Patienten am kbo-Isar-Amper-Klinikum
Informationen für Angehörige zur Akteneinsicht
Umbenennung der von-Braunmühl-Straße in Max-Isserlin-Straße am 1.3.2019
Gedenkfeier am 18.1.2019

Professor Dr. Peter Brieger ist Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums. Seit 115 Jahren werden hier Menschen mit seelischen und neurologischen Erkrankungen behandelt.

115 Jahre bedeutet aber auch, dass es eine wechselvolle Geschichte ist, auch zwischen 1933 und 1945 wurde in der „Anstalt Haar“ praktiziert.

Prof. Brieger stellt sich der Geschichte seiner Klink. In diesem Gespräch stellt sich deshalb die Frage: „Erinnerungskultur - Bedeutung für heute“.

YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=flvZEBnHbyg